STADT+

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In den letzten 18 Monaten habe ich beruflich viel mit der digitalen Transformation von Städten zu tun. Dabei geht es zentral um die Digitalisierung der analogen Abläufe und Bereiche in einer Stadt. Was ich dabei gelernt habe, versuche ich hier in wenigen Geboten zusammenzufassen.

 

1. Eine Stadt ist ein hoch komplexes, historisch/hysterisch gewachsenes Gebilde. Eine Digitalisierung muss ihre Gesamtheit wiederspiegeln, um erfolgreich zu sein.

Bei der Nutzung des Webs geht es nicht um Katzenbilder. Oder Essensfotografiern. Oder Facebook, Twitter, Snapchat und wie sie alle heissen. Es geht alleine um Lebenszeit. Wir haben nur eine begrenzte Zeit am Tag, die wir mit digitalen Medien verbringen. Das sind laut Statistik ca. 3–4 Stunden am Tag. In dieser Zeit muss unsere Botschaft wahrgenommen werden und das Angebot so sehr überzeugen, dass es in möglichst viel dieser Zeit in Anspruch genommen wird. Dabei ist man im offenen „Krieg“ gegen hoch professionelle Online-Profis, die seit vielen Jahren nichts anderes tun, als sich darauf zu spezialisieren, diese Zeit mit lockenden Angeboten zu belegen. Dafür geben sie enorm viel Geld aus und gehen extrem raffiniert dabei vor. Um diese Anbieter – wie Amazon, Zalando, aber auch Netzwerke wie Facebook und Co. – auszustechen, benötigt man ein eigenes Angebot, welches so viel Zeit wie möglich bindet. Das kann kein Onlineshop, keine regionale Plattform und keine Stadt-App, die nicht auf einem Prinzip der „Zeit-Bindung“ aufgebaut ist. Was es dafür benötigt, ist eine gemeinsame Strategie, einen gemeinsamem Masterplan, Schnittstellen zwischen realer und digitlaler Welt und hervorragenden Content. Jede Stadt hat Anbieter, die natürliche Content-Könige sind. Das sind Kultureinrichtungen, Vereine, Tourismus, aber auch Blogs und Event-Websites/Apps. Will man gegen die Web-Profis gewinnen, muss dieser ganze Content gebündelt und klug innerhalb der eigenen digitalen Infrastruktur eingesetzt werden. Die grosse Chance einer Stadt liegt genau in ihrer Vielfalt und die grosse Herausforderung ist es, diese Vielfalt zu organisieren und zu managen. Da unterscheiden sich digitale Städte nicht von analogen.

Dazu:

Die Digitale Transformation

 

2. Die digitalisierte Stadt ist eine Mischung aus realer und digitaler Welt. Eine reine Smartcity wird nicht funktionieren.

Es ist unrealistisch zu glauben, dass reine technische Lösungen irgendeinen nachhaltigen Effekt auf die Entwicklung einer Stadt haben werden. Zwar können Smartcity-Anwendungen – wie z.B. Datenerfassung und Analyse von Verkehrsmitteln, oder die kluge Schaltung von Licht und Heizung in städtischen Einrichtungen – zu Erkenntnissen und Einsparungen führen. Sie werden aber niemals die Probleme von Einzelhandel, Tourismus und Bürgerbeteiligung lösen. Auch einzelne Onlineshops, oder Wirtschaftsplattformen sind eine sinnfreie Geldausgabe. Es müssen vernetzbare technisch-kommunikative Lösungen entwickelt werden, die zwischen der realen und der digitalen Welt möglichst unauffällige Übergänge anbieten. Die dafür benötigten Elemente sind professionelles Social-Media/Messenger-Know-How, ortsbasierte Technologien und Dienste, eine von allen nutzbare digitale Infrastruktur und glaubhaftes Engagement.

Dazu:

Der real-digitale Erlebnisraum

Smartsphere-Konzept

 

3. Digitalisierung muss nicht nur vorgeführt, sondern vorgelebt werden.

Stadtmarketing und Kommunikation ändern sich gerade rasant radikal. Nicht nur transmediales Erzählen über soziale Medien, sondern ein dreidimensionales Erzählen, dass die wichtigen Orte und Angebote einer Stadt über Content und ortsbasierte Dienste zu einem real-digitalen Erlebnisraum verwandelt muss beherrscht werden. Das gilt aber nicht nur für Stadtmarketing/-kommunikation, sondern auch für Kultur, Handel, Tourismus, Gastronomie und Wirtschaft.Will man in der digitalen Welt erfolgreich sein, muss man sich in ihr auskennen. Da aber nicht alle Player die Zeit und die Möglichkeit/Fähigkeit besitzen, auf dem nötigen hohen Niveau zu agieren, bekommen Verbände und Netzwerke eine noch wichtiger Bedeutung. Das Zauberwort lautet: Networking. Einzelkämpfer haben kaum eine bis keine Überlebenschance. Alle müssen sich verdeutlichen, dass nur die Gesamtheit des städtischen Angebots einen real-digitalen Erlebnisraum schafft, der in der Lage ist, die nötige Nutzer-Zeit zu binden. Zwar können einzelne Anbieter aus den unterschiedlichen Sparten ausfallen, aber fällt die gesamte Sparte weg, wird es schwierig. Da der digitale Wandel sowieso alle Branchen und Angebote betrifft, ist es von vorne herein sinnvoll, auch ganzheitlich zu planen. Auch wenn es länger dauert: die Kosten werden mittelfristig für alle geringer und der Erfolg langfristig grösser sein.

Dazu:

Stadtmarketing und digitaler Wandel

 

4. Daten, Daten, Daten! Alles dreht sich um Daten!

Daten sind das neue Öl. Sie müssen gefördert, raffiniert, den jeweiligen Anwendungsgebieten angepasst und gepflegt werden. Dieses Daten als Stadt nicht selbst zu nutzen, ist im höchsten Maße fahrlässig.Daten werden die Stadt von morgen antreiben, optimieren und Grundlage von künstlicher Intelligenz sein, die in wenigen Jahren uns dabei helfen wird, die digitalisierte Stadt noch bürgerfreundlicher und effektiver zu machen.

Dazu:

Daten sind das neue Öl

 

5. Geschäftsmodelle aus der Digitalisierung sind nicht nur möglich, sondern zwingende Grundlage

Die Digitalisierung einer Stadt ist kein Taschengeld-Projekt. Sie ist teuer und muss langfristig geplant werden. Sie benötigt Player, die Initialkosten tragen und von diesen langfristig profitieren kann. Das sind gemeinhin in Städten Kabel- und Netzwerkbetreiber, die zumeist teilweise oder ganz in städtischer Hand sind. Für sie ist der real-digitale Erlebnisraum ein lukratives Geschäftsmodell. Eine digitale Infrastruktur, die durch eine Smartsphere über eine Stadt gelegt wird und alle nötigen ortsbasierten Dienste und Technologien bereitstellt, ebenso vernünftige Shopsysteme und einfach generierbare interne Websites/Apps, oder die Integration vorhandener anbietet und zudem den städtischen Partnern dabei hilft, ihre Angebote zielgruppengerecht zu platzieren, schafft ein völlig neues Angebot, welches von Unternehmen, Institutionen, aber auch privaten Nutzern (Vereine, Nachbarschaftsgruppen,…) gegen ein gestaffeltes Preismodell genutzt werden kann. Beachtet man dabei auch noch die schnelle Entwicklung von Sprachassistenten und Augmented/Mixed Reality, die so schnell nie von Handel, Tourismus und Kultur alleine nie zu deren Vorteil genutzt werden könnte, entsteht ein neues Betätigungsfeld. Ebenso ist die Vermarktung von „digitalen Flächen“ zur Darstellung von Werbung durch professionelle Agenturen und Werbeflächen-Anbieter für eine Stadt ebenso interessant, wie die bereits vermieteten analogen Flächen.

Dazu:

Die digitale Transformation des Einzelhandels

 

6. Technik ersetzt niemals fehlendes Engagement, mitreissende Begeisterung und beeindruckendes Storytelling

Wer glaubt, dass er ohne auskommt, wird verlieren.

Dazu:

Digitale Geschäftsmodelle: Es geht um Liebe!

 

7. Die Digitalisierung einer Stadt darf man nicht outsourcen. Die Stadt selbst muss Treiber und Betreiber einer digitalern Infrastruktur werden und bleiben.

Aus den oben ausgeführten Punkten ergibt sich zwingend der Schluss, dass die digitale Infrastruktur einer Stadt genauso ihr Eigentum bleiben muss, wie Wasser, Gas und städtische Dienstleistungen. Schon aus Datenschutzgründen ist das wichtig. Denn die Daten, die in der Nutzugszeit durch Bürger und Touristen generiert werden, sind nicht nur wertvoll, sondern auch privat. Sie sollten nach strengen Datenschutzrichtlinien ausgewertet werden und nicht eine ungewisse Reise um den Planeten antreten. Diese Verantwortung hat eine Stadt und ihre Anbieter. Ebenso entgehen der Stadt – ob sie nun selbst, oder ihre Töchterunternehmen der Betreiber wären – wichtige und lukrative Geschäftsmodelle.

Dazu:

Das Beispiel Emden

 

8. Technik ohne mitwachsendem Netzwerk und Weiterbildung ist sinnlos

Die Digitalisierung ist ein langer Prozess. Er verlangt, dass man sich weiterbildet und das man sich neuen Herausforderungen stellt. Man muss sie verstehen und strategisch darauf reagieren. Wie schon geschrieben, sind z.B. Die meisten Einzelhändler sind gar nicht dazu in der Lage. Daher muss dieser Prozess zentral organisiert und gesteuert werden. Es müssen Workshops und Stammtische angeboten und gemeinsam an individuellen Lösungen gearbeitet werden. Nur so, in dem man alle Partner mitnimmt, hat man die Chance, diesen Prozess erfolgreich anzugehen. Es werden sich auch einige Berufsbilder ändern. So wird ein digitlaer Stadtplaner benötigt, der Planung und Projektmangement leitet und sich durch Fortbildung auf Augenhöhe mit dem internationalen Wandel befindet. Ebenso werden sich Städte vernetzen müssen und durch Verbände (Tourismus, Marketing, Handel) spatenübergreifend und gemeinsam lernen.

Dazu:

Wir brauchen digitale Stadtplaner!

 

9. Ein Digitalisierungs-Prozess endet nie.

Und geht nie wieder zurück.

Oder verschwindet wieder.

Dazu:

Einzelhandel und Chatbots

Sprachassistenten

 

10. Am Anfang ist der Masterplan!

Die digitale Transformation ist ein langer und aufwendiger Prozess. Er ist teuer und anstrengend und will man ihn erfolgreich durchführen, muss er sehr gut organisiert werden. Es ist wie bei einer umfassenden Stadtplanung im Baubereich: Vor Beginn muss analysiert werden. Es müssen Pläne erstellt werden, es gibt Architekten, Bauleiter und Baufirmen, die sauber und effektiv und langfristig zusammen arbeiten müssen. Hier ist der städtische real-digitale Erlebnisraum nicht unähnlich. Daher muss diese Planung von einem Masterplan ausgehen, der zu Beginn einer Transformation entwickelt werden muss und zwischen 3–5 Jahre abdeckt. Er umfasst Technik, Kommunikation, Marketing, eCommerce, Bürgerbeteilung, Smartcity, Smarthomes, Industrie 4.0, Strategien zur Ansiedlung neuer Einwohner und Gewerbe, innovative Ansätze für die Aussendarstellung, Netzwerk- und Community-Entwicklung und Zukunftsfoschung. Er muss individuell für und mit Bevölkerung, Gewerbetreibenden, Kulturschaffenden, Touristen und Verwaltung entwickelt werden. Er verlangt ein gutes und vorrauschauendes Projektmanagement. Man muss sich Zeit für ihn nehmen und ihn reifen lassen.Bestimmte Elemente kann man vorziehen (Kommunikation und Marketing), andere müssen mittelfristig geplant werden (Smartsphere) und wieder andere in der langfristigen Planung beachtet werden (Sprachassistenten, AR/MR/VR…). Er muss agil geändertem Nutzerverhalten und neuen technischen Entwicklungen angepasst werden und in regelmässigen Zeiträumen auf den Prüfstand kommen.